Köln erleben – spontan oder geplant.

Köln im 19. Jahrhundert

Als Köln preußisch wurde

„Am Morgen des 14. Januars 1814 verließen die letzten französischen Soldaten Köln, anderntags rückten preußische und russische Truppen kampflos in die Stadt ein“1. Nach der Niederlage Napoleons I. in Russland kündigte Preußen das bestehende und unliebsam zustande gekommenes Bündnis mit Frankreich und beteiligte sich ab 1813 in den so genannten Freiheitskriegen an der anti-französischen Koalition. Preußische Truppen unter Marschall Blücher trugen in der Schlacht von Waterloo 1815 entscheidend zum endgültigen Sieg über Napoleon bei. Am 8. Februar 1815 wurden die europäischen Staaten auf dem Wiener Kongress neu verteilt.2 Neben dem größten Teil des alten Staatsgebietes erhielten die Preußen unter anderem Teile Vorpommerns, den nördlichen Teil des Königreiches Sachsen, Westfalen und die Rheinprovinzen – darunter auch Köln.

Preußen wurde Mitglied des Deutschen Bundes, ein loser Verband der deutschen Staaten, der unter österreichischer Führung stand. Dieser Bund existierte von 1815 bis 1866.

Festung Köln

Durch die Besetzung der Preußen vollzog sich eine Militarisierung der Stadt. Kurz nach der Gebietszusprechung des Rheinlandes durch den Wiener Kongress ordnete Friedrich Wilhelm III. an „Köln zur Festung ersten Ranges auszubauen“.3 Köln sollte als Frontstadt wirken gegenüber dem verfeindeten Frankreich. Der preußische König betrachtete das Rheinland als „Vormauer der Freiheit und der Unabhängigkeit Deutschlands“. Der Ausdruck von der „Wacht am Rhein“ entstand. Bis zum ersten Weltkrieg wurde Köln also zur größten Festungsstadt Deutschlands ausgebaut. Dies beeinflusste nachhaltig die Entwicklung, die Struktur sowie das Aussehen der Stadt. Um Köln herum entstand ein Festungsring, der sich scheinbar negativ auf die Ausdehnung von Mensch und Industrie auswirkte. In einer solch großen Festung durften die Soldaten nicht fehlen. Es waren ca. 8000 Militärpersonen (mit Familie und Bedienstete) geschätzt. Den Kölner eigen war die spürbare Abneigung gegen den „preußischen Soldatengeist“ und gegen einen Staat, der hauptsächlich vom Militär dominiert wurde.

Die Basis des Festungsbaus bildete die mittelalterliche Mauer mit ihren Torburgen und einem davor angelegten Graben, vor welchem sich wiederum eine große Erdanschüttung (Umwallung) befand. Von 1822-1830 reparierte man die mittelalterliche Mauer, verstärkte sie

Und baute sie zunächst zu einer geschlossenen Anlage aus. Für 50 Jahre galt Köln als Festungsstadt als uneinnehmbar. In den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts wurden Geschütze entwickelt, deren Reichweite über die Festungswälle hinausreichten. Ausreichender Schutz war nicht mehr gewährt. So wurde der Verdeidigungsgürtel um mehrere Kilometer ausgebaut (5,6 bis 7,7 km). Hinzu kamen insgesamt 12 Forts (4 davon rechtsrheinisch) und 23 kleinere so genannten „Lünetten“4

In etwa zehn Jahren, von 1816 bis 1825 wurde in einer Entfernung von 500 m vor der Stadtmauer ein Kranz von fünf Forts errichtet (große Festungswerke). Weitere Forts entstanden in den Jahren 1841 bis 1846. Es waren elf an der Zahl und sie waren im Halbkreis um die Stadt herum angeordnet. So stand alle 650 m bis 950 m ein Fort. Besonders die freie Ortschaft Deutz wurde sehr stark ausgebaut. Köln und Deutz waren für die Preußen eine Einheit.

Politik, Gesellschaft und Religion in Köln unter den Preußen

Für die Rheinprovinzen und vor allem für die Kölner begann mit den Preußen eine neue Zeit. Die Okkupation durch die Franzosen war beendet und erneut lenkte eine fremde Regierungsmacht die Geschicke, den Alltag und die Politik der Stadt Köln. Der Gegensatz zwischen dem katholischen Bürgertum Kölns und dem evangelisch und absolutistischen Preußen hätte nicht größer ausfallen können. Die Kölner fühlten sich den Preußen ökonomisch und politisch überlegen.5 Kölner Gassenjungen riefen durch die Straßen: “Rote Kragen, nix im Magen“. Sie wurden als „Litauen“ beschimpft und die Gendarmen schimpfte man „Schnäuzerkowskis“.

Die Preußen beklagten wiederum den „lauen Charakter“ der Kölner und ihre gemächliche Lebensführung sowie das Fehlen ihrer „eigentlichen Tatkraft“.

Der König der Preußen, Friedrich Wilhelm III. versprach den Rheinländern im April 1815, im so genannten „Besitzergreifungspatent“, eine Verfassung zu geben mit „einer gesamtpreußischen Repräsentation des Volkes“6, die Vertretung der Provinzen, eine gerechte Verwaltung, für das soziale und wirtschaftliche Wohl zu sorgen sowie geringe Steuern und eine geringe militärische Belastung. Allerdings löste Wilhelm III. dieses Versprechen nie ein. Anders als in den meisten übrigen deutschen Staaten wurde in Preußen keine Volksvertretung für den Gesamtstaat geschaffen. Statt eines Landtages für ganz Preußen wurden lediglich Provinziallandtage eingeführt, die allerdings ohne Entscheidungsgewalt waren. Die königliche Regierung versuchte so liberalen Bestrebungen nach einer konstitutionellen Monarchie und demokratischen Mitspracherechten entgegen zu wirken.

Doch in ganz besonderem Maße litt das erzkatholisch Köln unter der neuen Herrschaft der Preußen. Man fühlte sich benachteiligt, weil im Jahr 1818 die Rheinische Universität in Bonn errichtet wurde, obwohl man sich in Köln, seit ihrer Schließung unter den Franzosen, immens um eine Neugründung bemüht hatte. Ein Jahr später wurde in Düsseldorf die Kunstakademie errichtet. 1822 wurde Koblenz zum Sitz für das Oberpräsidium der Rheinprovinz. 1824 erhielt wurde Düsseldorf zusätzlich der Sitz des Provinziallandtages. Für Köln blieb nur der Sitz des Regierungsbezirks und des rheinischen Appellationsgericht.

Für die Kölner Bürger bedeutete Preußen jedoch nicht nur Militarisierung, sondern auch Bespitzelung, polizeiliche Überwachung und Verfolgung der Regierungsgegner. Politische Zensur und polizeiliche Willkür führten zu Spannungen zwischen dem liberalen Bürgertum und dem preußischen Staat. Die 1824 errichteten Provinziallandtage besaßen kein Entscheidungsbefugnisse oder Kontrollrechte. Ein Großteil der Bevölkerung war vom Wahlrecht ausgeschlossen.

Auch wenn im Jahre 1821 das Erzbistum Köln wiederhergestellt wurde und mit Ferdinand August Graf Spiegel das Amt des Erzbischofs wieder besetzt wurde, so kam es unter seinem Nachfolger Erzbischof Vischering zu ernsthaften Konflikten, auch bekannt als das „Kölner Ereignis“ zwischen der katholischen Kirche und der evangelischen Regierung. Diese Es war die Verhaftung des Erzbischofs von Köln durch die preußische Regierung im Jahre 1837. Die Gründe waren religiöser Natur. Durch den Zuzug zahlreicher evangelischer Beamten nach Köln entstanden viele Mischehen. Die Kirche lehnte diese strikt ab und machten ihren Segen davon abhängig, ob das Kind katholisch getauft und erzogen werden sollte. In Preußen allerdings erzog man die Kinder nach der Religion des Vaters. Erzbischof Graf Spiegel hatte dies anders als Vischering in einem geheimen Abkommen mit dem preußischen Staat akzeptiert, obwohl es widersprüchlich war. Erzbischof Vischering jedoch, seit 1835 im Amt, galt als starrköpfig.7

Das Verhältnis zwischen Staat und Kirche verbesserte sich erst mit der Vollendung des Kölner Doms (1841-1880) durch die tatkräftige Unterstützung der preußischen Regierung, insbesondere unter König Wilhelm IV. Bei der Idee den Dom vollenden zu wollen, verbanden sich „christlich-romantische Begeisterung für die mittelalterliche Gotik“ „mit der Absicht, ein Denkmal für die nationale Einheit Deutschlands zu schaffen“.8

Des Weitern erfuhr der Karneval 1823 unter der preußischen Regierung seine Wiederbelebung. Auch wenn die Preußen den Karneval als „anomalische, in polizeilicher Hinsicht bedenkliche Volkslustbarkeit“. Nach einer grundlegenden Reform gingen die Karnevalsbestrebungen vom Kölner Bildungsbürgertum aus, das nun erstmals ein Organisationskomitee für Sitzungen, Maskenbälle und vor allem den Rosenmontagszug bildete. Zuerst untersagten die Preußen die für sie ‚politischen Umtriebe’, aber gerade das Verbot löste die befürchtete Politisierung erst ais und machte die Karnevalskomitees zur Plattform für eine sich zunehmend radikalisierende Opposition gegen den preußischen Obrigkeitsstaat. Dementsprechend gehörten die führenden Karnevalisten zu den Revolutionären aus dem Rheinland.

Bedeutende Verdienste erwarb sich der preußische Staat dagegen durch die Reform des Bildungswesens. Die Einstellung der Kölner gegenüber den Preußen schien sich langsam zu verbessern. Dies wurde deutlich in dem ab 1840 erwachten Nationalbewusstsein der Kölner, als Frankreich Territorialansprüche auf das linke Rheinufer erhob. Aus dieser Zeit stammt das berühmte nationalistisch Lied ‚Colonaise’ (von Nikolaus Becker) mit dem Refrain „Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein“. Die Vollendung des Doms war ein wichtiger Faktor bei den solidarisierenden Stimmungen der Kölner gegenüber den Preußen. Weitere positive Errungenschaften durch die Preußen waren beispielsweise der Bau der ersten deutschen Eisenbahnbrücke über den Rhein, der so genannten ‚Muusfall’.9

Literatur:

Wilhelm Janssen, Kleine Rheinische Geschichte, Düsseldorf 1997.

Werner Jung, Das neuzeitliche Köln, Köln 2001.

Först, Das Rheinland in preußischer Zeit, Köln 1965

1Werner Jung, Das neuzeitliche Köln, Köln 2004, 62.

2 Dem Wiener Kongress fiel zunächst die Aufgabe zu, nach dem Scheitern der napoleonischen Hegemonialpolitik eine Ordnung des multipolaren Gleichgewichts wiederherzustellen und diese Ordnung durch eine gemeinsame Garantie der Großmächte zu sichern. Auch das besiegte Frankreich nimmt von Anfang an am Kongress teil. Das Fünfergremium der Großmächte (Großbritannien, Österreich, Russland, Preußen, Frankreich) ist die zentrale Instanz des Kongresses.

3 Vgl. Werner Jung, Köln, 67.

4 Gebäudeform im Festungsbau bei Schanzen u. Forts.

5 Ein Ausspruch des Kölner Bankier Abraham Schaaffhausen „Jesses, Maria Joseph, da hierode ma ävver in en ärm Familich“.

6 Ders., Köln, 62.

7 Vgl. Werner Jung, Köln, 87-89. Das „Kölner Ereignis“ führte im Ausland zu großem Aufsehen. Man solidarisierte sich und in vielen Streitschriften wurde das Ereignis diskutiert. Dieser Konflikt führte schließlich zum Erwachen des gemeinsamen Bewusstseins des deutschen und kölnischen Katholizismus. Der Streit endete mit einem Kompromiss. Die kirchlichen Rechte sollten zukünftig gewahrt werden. Der Erzbischof jedoch nahm sein Amt nicht wieder auf. Er betrat Köln nie wieder.

8 Werner Jung, Köln, 90.

9 Allgemein zur Geschichte der Preußen in den Rheinprovinzen bei Wilhelm Janssen, Kleine Rheinische Geschichte, Düsseldorf 1997, sowie Walter Först, Das Rheinland in preußischer Zeit, Köln 1965.