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Teil 2: Kölner Sagen - Schuster Habenichts und die Ulrepforte

In der zweiten Hälfte des 13.Jahrhunderts war das Geschlecht der Overstolzen die mächtigste Patrizierfamilie im öffentlichen Leben Kölns. Die Overstolzen spielten eine führende Rolle in den Bestrebungen der Bürgerschaft, sich von der Herrschaft der Erzbischöfe zu lösen und städtische Freiheiten durchzusetzen. Aufgrund ihrer Machtstellung und ihres Reichtums waren sie in Köln nicht sonderlich beliebt. Eine andere Kölner Familie, die Weisen, überwarf sich mit den Overstolzen und wurde von diesen 1268 aus der Stadt vertrieben. Die Weisen verbündeten sich daraufhin mit Erzbischof Engelbert II. von Falkenburg, dem die nach Unabhängigkeit von der erzbischöflichen Herrschaft strebende Kölner Bürgerschaft unter Führung der Overstolzen ohnehin ein Dorn im Auge war. Die Weisen ließen sich in der bischöflichen Residenz in Bonn nieder und begannen, einen Racheplan einzufädeln. Sie verbündeten sich mit zwei auf Seiten des Erzbischofs stehenden Herren, Herzog Adolf V. von Limburg und Graf Dietrich VII. von Kleve und stellten eine kleine Armee von 500 Mann auf. Mit dieser Armee wollten sie in die Stadt einmarschieren. Gleichzeitig begannen die Weisen damit, über einen Mittelsmann, dem früheren Schöffen Hermann dem Fischer, die Kölner Bevölkerung durch großzügige Geldgeschenke gegen die Overstolzen aufzuhetzen und auf den Anschlag einzustimmen. Wie aber sollte die mächtige Stadtmauer überwunden werden?

 

Die Weisen bestachen einen armen Schuster, der unter einem Bogen an der Innenseite der Stadtmauer in der Nähe der Ulrepforte hauste. Dieser Schuster hieß Havenit oder Haveneit (Habenichts). Der Schuster sollte von seiner Behausung aus einen Gang durch die Stadtmauer graben, durch den die Armee der Weisen in die Stadt geschmuggelt werden konnte. Dafür sollte er reich belohnt werden.

Unbemerkt begann der Schuster damit, Steine aus dem Mauerwerk zu lösen. Nach einigen Wochen hatte er ein Loch quer durch die Stadtmauer gebrochen. In der Nacht von 14. zum 15.Oktober 1268 erschien die Armee der Weisen heimlich vor der Mauer und zwängte sich, Mann für Mann, durch das Loch in die Stadt. Das Loch soll so groß gewesen sein, daß selbst Pferde durchpaßten. Bald schon war die ganze Armee in der Stadt, einschließlich des Limburger Herzogs und des Klever Grafen. Sie sammelten sich im Gelände bei der Ulrepforte.

Ein Mann namens Vinkilbart beobachtete dies. Unbemerkt von der Armee eilte er zur Rheingasse zum Haus der Overstolzen. Er schrie: „Wacht auf, Ihr Herren und wappnet Euch. Das ist Euch not – oder sie schlagen Euch in Euren Betten tot!“

Im Nu hatten die Overstolzen ihre Truppen alarmiert – nicht mehr als vierzig Mann, die nun einer Übermacht von fünfhundert Mann entgegenzog. In dem unbebauten Gelände zwischen Ulrepforte und St.Pantaleon entbrannte nun eine blutige Schlacht, bei dem sich zunächst die Übermacht der Weisen zu behaupten schien, zumal Hermann der Fischer noch eine Schar von aufgehetzten Kölner Bürgern herbeiführte. Zahlreiche Parteigänger der Overstolzen, darunter auch das Familienoberhaupt, Matthias Overstolz, wurden erschlagen. Er soll mit seinen letzten Worten die Kölner ermutigt haben, in ihrem Widerstand gegen die Eindringlinge nicht nachzulassen: „Gott lasse heut Köln Ehre erwerben; desto fröhlicher soll ich sterben!“

Als die Lage für die Overstolzen aussichtslos schien, erhob ein Mann namens Constantin Crop seine Stimme und appellierte an den Patriotismus der Kölner. Sie sollten sich nicht an einem Verrat an der Freiheit der Stadt mitschuldig machen, sondern sich gegen die Feinde der Freiheit stellen. Damit wendete sich die Stimmung. Die aufgehetzten Kölner Bürger stellten sich auf die Seite der Overstolzen und halfen ihnen, die Eindringlinge zurückzuschlagen und in das Loch in der Stadtmauer zurückzudrängen. Viele von ihnen gerieten in Gefangenschaft, darunter auch der Limburger Herzog. Der Bruder des Erzbischofs, Dietrich von Falkenburg, fiel.

Eine 23-strophige Ballade des Mundartdichters Laurenz Kiesgen schildert die Schlacht an der Ulrepforte. Über den Verbleib des Verräters Havenit vermeldet diese Ballade:

„Und och dä Lump, dä Habenix,

Dä dat hat angefange,

Dä kräg nohdräglich noch sie Fett:

Se han en opgehange.“

Um das Jahr 1360 wurde in dem heute noch erhaltenen Stadtmauerstück nördlich der Ulrepforte am Kartäuserwall eine Reliefdarstellung angebracht, die an das Ereignis erinnert. Sie zeigt in ihrem unteren Teil den Reiterkampf und im oberen Teil die Schutzheiligen der Stadt. Die Inschrift lautet: „Anno domini m.cc.lxviii up der heilger more naicht do wart hier durch de mure gebrochen“. Das Relief, welches zu den ältesten Denkmälern Deutschlands gehört, die an eine nichtreligiöse Begebenheit erinnert, wurde vor Ort durch eine Kopie ersetzt; das stark verwitterte Original befindet sich im Kölner Stadtmuseum.

Historischer Hintergrund:

Die Amtszeit von Erzbischof Engelbert von Falkenberg war maßgeblich von schweren Auseinandersetzungen mit der nach Unabhängigkeit strebenden Stadt Köln geprägt. 1263 wurde der Erzbischof von der Bürgerschaft gefangengenommen und drei Wochen in Haft gehalten, während sich die Bürger der Torburgen der Stadtmauer bemächtigten, die der Erzbischof als Zwingburgen gegen die Bürgerschaft hatte einsetzen wollen. 1265 versuchte der Erzbischof, die Stadt zu belagern, blieb allerdings ohne Erfolg. Als der Erzbischof zur Kenntnis nehmen mußte, daß er die Stadt nicht gewaltsam würde unterwerfen können, verlegte er seine Residenz aus der Stadt hinaus nach Bonn, wo sie dann nach der endgültigen Niederlage der Erzbischöfe in der Schlacht bei Worringen 1288 blieb. Erzbischof Engelbert, dem durch die Verlagerung seiner Residenz die Stadt Bonn viel zu verdanken hat, wurde im dortigen Münster (und nicht wie seine Vorgänger im Kölner Dom) begraben.

Der Überfall an der Ulrepforte ist also weniger als private Fehde zwischen zwei verfeindeten Geschlechtern zu sehen, sondern eher als erneuter Versuch, die aufsässige Stadt zu unterwerfen. Overstolzen und Weisen sind dabei Repräsentanten von erzbischöflicher Macht und städtischer Freiheit. Dabei ist zu bemerken, daß Erzbischof Engelbert selbst wohl kaum persönlich an diesem Übergriff beteiligt war, da er zu dem Zeitpunkt, 1268, als Gefangener des Grafen von Jülich auf dessen Burg in Nideggen saß.

Die Sage vom Überfall an der Ulrepforte könnte in großen Zügen historischen Tatsachen entsprechen. Insbesondere das Denkmal von 1360 und seine Inschrift sprechen dafür, daß es 1268 Parteigängern des Erzbischofs gelang, die Stadtmauer zu überwinden und in die Stadt einzudringen, wo sie zurückgeschlagen wurden. Inwieweit ein Schuster Habenichts daran beteiligt war, kann nicht beantwortet werden.

Erzbischof Engelbert II. von Falkenburg söhnte sich übrigens 1271 mit den Bürgern der Stadt aus. In einem von Albertus Magnus mit verhandelten Sühnevertrag erkannte der Erzbischof städtische Freiheiten an. Unter Engelberts Nachfolger, Siegfried von Westerburg, kam es dann zum endgültigen Bruch zwischen Stadt und Erzbischof, der 1288 in der Schlacht bei Worringen gipfelte. (Übrigens kam bei dieser Schlacht der Sohn des Matthias Overstolz, Gerhard, ums Leben – der zweite Overstolze, der sein Leben der Freiheit der Stadt opferte).

Erwähnenswert ist noch, daß der Ort für den Angriff bei der Ulrepforte durchaus geschickt gewählt war. Der Bereich bei der Ulrepforte war eine der entlegensten Gegenden Kölns. Die Ulrepforte selbst war keines der bedeutenden Kölner Stadttore und führte nicht auf eine der großen Ausfallstraßen hinaus, sondern auf freies Feld. Innerhalb der Stadtmauer lag ein äußerst dünn besiedelter Bereich, in dem vor allem Töpfer („Uler“ ->Ulrepforte) ihre Brennöfen, wegen der Brandgefahr weit von den dicht besiedelten Stadtvierteln, errichtet hatten.

Sage:

Gath, Goswin Peter: Kölner Sagen und Legenden. Köln 7/1985.

Weitershagen, Paul: Pitter träumt von seiner Vaterstadt. Erzählung aus Sage und Wirklichkeit. Köln 4/1967. S. 75 – 80.

Historischer Hintergrund:

Stelzmann, Arnold / Frohn, Robert: Illustrierte Geschichte der Stadt Köln. Köln 11/1990. S.122f.

Signon, Helmut / Schmidt, Klaus: Alle Straßen führen durch Köln. Köln 3/2006. S. 339 – 341.

Dietmar, Carl (u.a.): Chronik Köln. Gütersloh / München 3/1997. S.89.

Zum Denkmal:

Clemen, Paul (Hrsg.): Die Kunstdenkmäler der Stadt Köln. Die profanen Denkmäler. (=Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz, Bd. 7, IV.Abteilung). Düsseldorf 1930. S.124 – 126.