Stadtführung Köln – wir leben Köln!

Braucht der Mensch Geschichte?

Von Friedrich Nietzsche

Die Beschäftigung mit Geschichte stellt keine beliebige Tätigkeit dar, die man betreiben, aber ebensogut auch unterlasse könnte. Freilich gibt es sehr verschiedene Grüne für den Blick in die Vergangenheit, ebenso verschiedene Formen, dies zu tun. Nach wie vor nicht überholte Überlegungen zu diesem Thema stellte 1871 der damals 27 Jahre alte Friedrich Nietzsche (1844-1900) in der zweiten seiner "Unzeitgemäßen Betrachtungen" an; die Abhandlung trug den prägnanten Titel "Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben". Im folgendem wird ein Auszug aus seinen heute immer noch aktuellen Überlegungen gezeigt

In dreierlei Hinsicht gehört die Historie dem Lebendigen: sie gehört ihm als dem Tätigen und Strebenden, ihm als dem Bewahrenden und Verehrenden, ihm als den Leidenden und der Befreieung Bedürftigen. Dieser Dreiheit von Beziehungen entspricht eine Dreiheit von Arten der Historie: sofern es erlaubt ist, eine monumentalische, eine antiquarische und eine kritische Art der Historie zu unterscheiden.

Die Geschichte gehört vor allem dem Tätigen und Mächtigen, dem, der einen großen Kampf kämpft, der Vorbilder, Lehrer, Tröster braucht und sie unter seinen Genossen und in der Gegenwart nicht zu finden vermag. (...) Wodurch nützt dem Gegenwärtigen die monumentalische Betrachtung der Vergangenheit, die Beschäftigung mit dem Klassischen und Seltenen früherer Zeiten? Er entnimmt, daraus, dass das Große, das einmal da war, jedenfalls einmal möglich war und deshalb auch wohl wieder einmal möglich sein wird; er geht mutiger seinen Gang, denn jetzt ist der Zweifel, der ihn in schwächeren Stunden anfällt, ob er nicht vielleicht das Unmögliche wolle, aus dem Felde geschlagen. (...)

Die Geschichte gehört zweitens dem Bewahrenden und Verehrenden, dem, der mit Treue und Liebe dorthin zurückblickt, woher er kommt, worin er geworden ist; durch diese Pietät trägt er gleichsam den Dank für sein Dasein ab. Indem er das von alters her Bestehende mit behutsamer Hand pflegt, will er die Bedingungen, unter denen er entstanden ist, für solche bewahren, die nach ihm entstehen sollen. (...) Hier ist immer eine Gefahr sehr in der Nähe: schließlich wird einmal alles Alte und Vergangene, das überhaupt noch in den Gesichtskreis tritt, einfach als ehrwürdig hingenommen. Alles aber, was diesem Alten nicht mit Ehrfurcht entgegenkommt, also das Neue und Werdende, (wird) abgelehnt und angefeindet. (...)

Hier wird deutlich, wie notwendig der Mensch (...) oft genug eine dritte Art nötig hat, die kritische: und zwar auch diese wiederum im Dienste des Lebens. Er muss die Kraft haben und von Zeit zu Zeit anwenden, eine Vergangenheit zerbrechen und aufzulösen, um leben zu können: dies erreicht er dadurch, dass er sie vor Gericht zieht, peinlich inquiriert und endlich verurteilt; jede Vergangenheit aber ist wert, verurteilt zu werden - denn so steht es nun einmal mit den menschlichen Dingen: immer ist in ihnen die menschliche Gewalt und Schwäche mächtig gewesen.

(...)

Mitunter verlangt eben dasselbe Leben, das die Vergessenheit braucht, die zeitweilige Vernichtung dieser Vergessenheit; dann soll es eben gerade klar werden, wie ungerecht die Existenz irgendeines Dinges, eines Privilegiums, einer Kaste einer Dynastie zum Beispiel, ist, wie sehr dieses Ding den Untergang verdient. Dann wird seine Vergangenheit kritisch betrachtet, dann greift man mit dem Messer an seine Wurzeln, dann schreitet man grausam über alle Pietäten hinweg.

---------- F. Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben (Auszüge), zit. n.:B. Hey u.a., Umgang mit Geschichte. Historisch-Politische Weltkunde. Stuttgart usw. 1992, 32-33.